Mit Glas geschützte Räume schaffen
Sicherheitsglas: Anforderungen für physische Sicherheit, Klimaresilienz und Cybersicherheit steigen
Europa muss unabhängiger, stärker und sicherer werden – so könnte das Credo einer gegenwärtigen Presseschau lauten. Das Bedürfnis nach Sicherheit wächst spürbar und nun wurde am 29. Januar das neue KRITIS-Dachgesetz verabschiedet, um kritische Infrastrukturen besser zu schützen. Das Gesetz fordert einheitliche Mindeststandards, Risikoanalysen und ein Störungsmonitoring. Viele der Regelungen zielen auf die physische Resilienz von Anlagen und Gebäuden, was auch die Glasbranche betrifft und die steigende Nachfrage nach Sicherheitsverglasungen weiter antreiben dürfte. Wie sich die Anforderungen bei den Sicherheitsgläsern entwickeln, hat die glasstec beim ift Rosenheim und bei Kuraray als Hersteller von Hochleistungs-Zwischenlagen für Sicherheitsglasaufbauten nachgefragt.
Die ift-Richtlinie EI-06/1 „Vandalismushemmende Bauelemente und Einrichtungen“ definiert das typische Täter-Vorgehen, Werkzeuge, reproduzierbare Abläufe sowie mögliche Gefährdungsklassen für Verglasungen. Entscheidend ist eine manuelle Prüfung des Widerstands gegen Vandalismus – im Bild mit einer Ramme
In Anbetracht zunehmender Bedrohungen durch geopolitische Spannungen, Cyberangriffe und Naturkatastrophen erscheint ein verlässlicher Schutz kritischer Infrastruktur wichtiger als je zuvor. Hierzu gehören Anlagen, Systeme und Organisationen, die eine hohe Bedeutung für die Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Funktionen haben und deren Ausfall erhebliche Auswirkungen auf das Gemeinwesen hätte. So zum Beispiel Einrichtungen aus den Bereichen Energieversorgung, Informationstechnik und Telekommunikation, Transport und Verkehr, Gesundheit, Wasser, Ernährung, Abfallentsorgung, Finanz- und Versicherungswesen, Staat und Verwaltung, Medien und Kultur. Welche Einrichtungen in Deutschland unter die Regelungen des KRITIS-Dachgesetztes fallen wird von den Bundesländern geregelt und bemisst sich nach quantitativen und qualitativen Kriterien. Ist beispielsweise eine Einrichtung essenziell für die Gesamtversorgung von mehr als 500.000 Personen, wird sie zur kritischen Infrastruktur gezählt. Zusätzlich sollen wechselseitige Abhängigkeiten berücksichtigt werden – so hängen von Energie, Wasser und funktionierenden Transportwegen zum Beispiel auch alle anderen kritischen Sektoren ab.
Vandalismus und physische Angriffe
Dipl.-Ing. Jürgen Benitz-Wildenburg, Leiter PR und Technische Kommunikation beim ift Rosenheim.
Ein hohes Risiko für öffentliche Gebäude, Verkehrsinfrastruktur oder Verwaltungsbauten liegt im Vandalismus, aber zunehmend auch in Sabotageaktionen – lautet die Einschätzung des ift Rosenheim. Das Täterverhalten im Vandalismus ist ein komplett anderes als zum Beispiel bei Einbrüchen, wie Dipl.-Ing. Jürgen Benitz-Wildenburg, Leiter PR und Technische Kommunikation beim ift Rosenheim, erläutert: „Die Täter agieren hierbei offen, meist impulsiv und mit improvisierten Werkzeugen, vom Pflasterstein über Straßenschilder bis hin zu Gullideckeln, die als Ramme eingesetzt werden.
Die ift-Richtlinie EI-06/1 „Vandalismushemmende Bauelemente und Einrichtungen“ definiert das typische Täter-Vorgehen, Werkzeuge, reproduzierbare Abläufe sowie mögliche Gefährdungsklassen für Verglasungen. Entscheidend ist eine manuelle Prüfung des Widerstands gegen Vandalismus – im Bild wird die Zusatzanforderung „LS (Liquid Save)“ gezeigt, bei der die Prüfer versuchen eine durchgrifffähige Öffnung im Probekörper zu schaffen, die groß genug ist, um eine Flasche (Molotowcocktail) hindurchstecken zu können.
Gefährdete Bauelemente und Verglasungen müssen also gegen direkte Gewaltangriffe und nicht nur gegen verdeckte Manipulation von Einbrechern widerstandsfähig sein. Einbruchhemmende Bauteile sind deshalb nur bedingt geeignet.“ Das ift Rosenheim hat darum mit einem Expertenkreis die ift-Richtlinie EI-06/1 „Vandalismushemmende Bauelemente und Einrichtungen“ erarbeitet, in der das typische Vorgehen, Werkzeuge, reproduzierbare Abläufe sowie mögliche Gefährdungsklassen definiert werden. Entscheidend ist die manuelle Prüfung eines betriebsfertig montierten Elements (mit Beschlag, Zarge, Türblatt, Schloss, Verglasung etc.) mit unterschiedlichen Werkzeugen auf den Widerstand gegen Vandalismus – die Widerstandsdauer zählt. Wichtig ist auch die Zusatzanforderung „LS (Liquid Save)“, bei der die Prüfer versuchen eine durchgrifffähige Öffnung im Probekörper zu schaffen, die groß genug ist, um eine Flasche (Molotowcocktail) hindurchstecken zu können. Ziel ist es, Gebäude und Menschen besser vor mutwilliger Zerstörung und Gewalt in öffentlichen Bereichen sowie stark frequentierten und gefährdeten Orten besser zu schützen.
Jochen Regenauer, Head of Strategic Projects & Business Development EMEA, Kuraray Europe.
Auch im Markt zeigt sich eine Entwicklung hin zu höheren Schutzklassen, wie Jochen Regenauer, Head of Strategic Projects & Business Development EMEA bei Kuraray Europe, beobachtet: „Sicherheit ist ein Bereich der global wächst, wir stellen in den letzten Jahren einen massiven Anstieg fest. In Deutschland, im öffentlichen Bereich, wo ursprünglich mittelmäßige Ansprüche galten, ist heute für Verglasungen die Schutzklasse P4A bereits die Regel. Gefordert werden oft Glasaufbauten mit erhöhtem Anspruch gegen Durchwurf, Eintreten, Baseballschläger, massive Gewalteinwirkung. In den USA ist Kuraray bereits aktiv mit einer geprüften Lösung am Markt, in Verbindung mit Sentryglas und unter Einhaltung der Norm ASTM F1233. Daneben sind auch beschusshemmende Verglasungen zunehmend gefragt, in den Schutzklassen BR4-NS bis BR6-NS – für öffentliche Gebäude wie Bahnhöfe, Bankgebäude und verglaste Eingangsbereiche, sogar im Isolierglasbereich, etwa in Shopfronts oder Foyers.“
Steigende Anforderungen durch Extremwetter
Neben Sicherheitsrisiken rückt durch das KRITIS-Gesetz auch der Schutz vor immer häufiger auftretenden Klimaextremen stärker in den Fokus, wie den vor Starkregen und Überflutungen, die längst nicht mehr nur Gebäude in Flussnähe betreffen. Benitz-Wildenburg erläutert: „Bei Starkregen und langanhaltenden Regenfällen sind normale Fenster und Türen oft nicht mehr ausreichend, um vor Wassereintritt zu schützen. Hier ist der Einsatz geeigneter Konstruktionen inkl. dem Baukörperanschluss notwendig, die entsprechend dimensionierte Verbundsicherheitsglas-Aufbauten erfordert.“ Das ift Rosenheim prüft diese Bauteile darum gemäß der ift-Richtlinie FE-07 „Hochwasserbeständige Fenster und Türen“. Die Prüfergebnisse und Klassifizierungen sind Grundlage für die Planung und Ausschreibung hochwasserhemmender Bauelemente.
Hochwasserschutzwände und Balustraden mit Sentryglas- Zwischenlagen von Kuraray gehören konstruktiv in die Kategorie hochtragfähiger Verbundsicherheitsgläser (VSG) für strukturelle Anwendungen. Im Vergleich zu klassischem PVB-Verbund bieten sie deutlich höhere Resttragfähigkeit, Steifigkeit und Dauerhaftigkeit – entscheidend für Hochwasserlasten, aber auch für absturzsichernde Bauteile.
Regenauer sieht die Entwicklungen ähnlich: „Beim Hochwasserschutz hat sich in den vergangenen Jahren schon einiges getan. Da er jedoch ein kommunales Thema ist, blieben die Maßnahmen aus Budgetgründen bislang ausbaufähig. Durch das KRITIS-Dachgesetz wird sicher noch einmal Bewegung ins Thema kommen.“ Auch häufiger auftretende Stürme, Hurricanes und Taifune, je nach geografischer Lage, führen zu einer steigenden Nachfrage nach entsprechenden Schutzverglasungen, wie Regenauer berichtet: „Sturmsichere Verglasungen sind inzwischen für einen großen Teil der amerikanischen Ostküste notwendig, weil Hurricanes immer häufiger und schon früher im Jahr stattfinden. Gleiches gilt für Teile Asiens mit vermehrten Taifunen – diese sind ähnlich wie Hurricanes, führen aber mehr Wasser mit sich. Kuraray liefert hier unterschiedliche Lösungen, hochsichere Aufbauten aus Glas mit Sentryglas-Zwischenlagen, um die um Energieaufnahme und den Durchdringungswiderstand der Verglasungen weiter zu erhöhen.“ Auch hierfür bietet das ift Rosenheim entsprechende Prüfungen nach amerikanischen Standards am Standort Rosenheim an.
Gebäudehülle als Teil der Cybersicherheit
Das KRITIS-Dachgesetz orientiert sich stark auch an den Anforderungen der europäischen NIS2-Richtlinie, die europaweit bereits Mindeststandards für die Cyber- und Informationssicherheit definiert. Mit dem KRITIS-Dachgesetz wird diese Richtlinie in deutsches Recht integriert und gleichzeitig für alle relevanten Infrastrukturbereiche ergänzt. Hiermit erweitert sich das Sicherheitsverständnis von der rein digitalen Abwehr hin auch zu physischen Schutzmaßnahmen. Ein wachsendes Terrorismus- oder Spionage-Risiko sind beispielsweise elektromagnetische Angriffe, bei denen Funk- oder Strahlungssignale zum Abhören oder Eindringen in Netzwerke genutzt werden.
Spezielle Abschirmgläser erzeugen einen partiellen Faraday-Käfig Effekt und blockieren einen Großteil der elektromagnetischen Signale. Dadurch lassen sich gesicherte und abgeschirmte Räume für sensible IT-Bereiche, Behörden- oder Rechenzentren schaffen, in denen Funksignale weder ein- noch austreten. Dies können zum Beispiel WLAN-Signale sein, oder elektromagnetische Abstrahlungen von Bildschirmen und Tastaturen („War-Driving“ oder Abhören aus der Distanz). Gläser dieser Art werden auch in Laboren oder Krankenhäusern eingesetzt, wo sensible medizinische Geräte vor äußeren Funkstörungen geschützt werden müssen oder in Sicherheitsbereichen wie Konferenzräumen für vertrauliche Gespräche. Die Lösungen ergänzen klassische IT-Sicherheitsmaßnahmen und folgen dem Prinzip der „Defense in Depth“, bei dem physische und digitale Schutzebenen kombiniert werden.
Nachfrage für exklusive Anwendungen steigt
Komplexe Glasdach Konstruktion im Westfield Hamburg Überseequartier: Die komplexe Geometrie der Glas- und Stahlkonstruktion, ausgeführt mit hochleistungsfähigen Kuraray Zwischenlagen, sorgt für maximale Sicherheit, Transparenz und architektonische Präzision.
Sicherheitsgläser werden in vielen weiteren Bereichen, vor allem in exklusiven Anwendungen, vermehrt nachgefragt, wie Regenauer berichtet: „Sicherheitsglas für den gepanzerten Fahrzeugmarkt ist ein großes Thema, vor allem in Südafrika und Südamerika – es soll vor allem vor Entführungen schützen. In der engen City of London (dem Finanzbezirk Londons) ist Sprengwirkungshemmung gefragt, hier werden vergleichsweise dünne VSG eingesetzt, die flexibler auf schnellen, massiven Druck reagieren können. Lounges und VIP Bereiche werden heute meist Bulletproof ausgeführt und Balustraden erzielen eine besonders hohe Resttragsicherheit durch den Einsatz von Sentryglas-Zwischenlagen. Zunehmende Nachfrage gibt es auch für gläserne Sky-Pools für Hotels und Privatvillen, die konstant dem sehr hohen Wasserdruck standhalten müssen. Und last but not least nehmen die Schiffs- und Yachtzulassen stark zu, für die Glasaufbauten angefragt werden, die der hohen dynamischen Anprall-Last von Wellen standhalten müssen. Hier geht es dann meist um strukturelle Interlayer mit Sentryglas zur Dickenreduzierung der Verglasungen oder teilweise um bis zu achtfach-laminierte Gläser, für eine einwandfreie Optik oft mit chemisch gehärteten Glasscheiben.“
Die glasstec 2026 wird vom 20. bis 23. Oktober 2026 in Düsseldorf erneut die zentrale und impulsgebende Leitmesse für den Austausch über Zukunftsthemen der Glasbranche, mit den Hot-Topics Künstliche Intelligenz & Digitale Technologien, Dekarbonisierung und Kreislaufwirtschaft. Sie zeigt aber auch, dass Glasprodukte für Gebäudehüllen nicht nur energetisch und gestalterisch, sondern zunehmend auch sicherheitsrelevant geplant werden. Erstmals zur glasstec 2026 realisieren die Messe und das ift Rosenheim als Kooperationspartner die Sonderschau „sicher – innovativ – nachhaltig“, die resiliente und sicherheitsrelevante Glaslösungen, auch für geschützte Räume und kritische Infrastrukturen, in den Mittelpunkt stellt.
Autor: Marc Everling, Nachhaltige Kommunikation